Beilage 1958/2009 zum kurzschriftlichen Bericht
des Oö. Landtags, XXVI. Gesetzgebungsperiode



Initiativantrag

der unterzeichneten Abgeordneten
betreffend den sorgsamen Umgang mit der Tunnelanlage "Bergkristall" in St. Georgen/Gusen

Gemäß § 26 Abs. 6 Oö. LGO wird dieser Antrag als dringlich bezeichnet.


Der Oö. Landtag möge beschließen:

Resolution

Die Oö. Landesregierung wird aufgefordert, sich bei der Bundesregierung dafür einzusetzen, dass ein Konzept zur Sicherung und Erhaltung der stabilisierbaren und erhaltenswerten Teile der Tunnelanlage südwestlich des Ortszentrums von St. Georgen an der Gusen erarbeitet und umgesetzt wird und die derzeit laufenden Verfüllarbeiten bis zur Erstellung eines solchen Konzepts umgehend gestoppt werden. Diese Tunnelanlage, die in der Zeit des Nationalsozialismus unter dem Namen "Bergkristall" von Häftlingen des Konzentrationslagers Gusen II zur Produktion von Flugzeugen errichtet wurde und in der mehrere tausend Menschen zu Tode kamen, soll im Einvernehmen mit den Opferverbänden, insbesondere jener des Konzentrationslagers Gusen II, dem Erinnern und Gedenken erhalten bleiben.

 

Begründung

Seit Jahresbeginn 1943 existierten bereits Pläne der nationalsozialistischen Machthaber, Rüstungsbetriebe an bombensichere Standorte zu verlegen. In St. Georgen an der Gusen begann die SS 1944 unter dem Decknamen B 8 / "Bergkristall" eines der größten Stollen-Bauvorhaben der deutschen Kriegswirtschaft. Zweck der Errichtung dieser Stollenanlage war die unterirdische Verlagerung der Jagdflugzeugproduktion der Firma Messerschmitt.

Das Stollensystem "Bergkristall" wurde zu einem der größten jemals errichteten unterirdischen Montagewerke für die Flugzeugproduktion des Naziregimes. Die mehr als 50.000 mē große und rund 10 km lange Stollenanlage wurde von Häftlingen des nahen Konzentrationslagers GUSEN II in nur 13 Monaten unter menschenunwürdigsten Bedingungen aus dem Boden gestampft. Geschätzte 10.000 Häftlinge starben während der Arbeit in den unterirdischen Tunnelhallen oder wurden ermordet.

Die Stahlbeton-Ausmauerung des Stollensystems hielt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, abgesehen von Sprengschäden durch die russischen Besatzungstruppen, weitgehend stand. Erst als die Grundflächen über der Tunnelanlage "Bergkristall" für die Errichtung von Siedlungshäusern verwendet wurden, ließ das für die Gedenkstätten zuständige Bundesministerium für Inneres aus Gründen der Sicherheit einige Tunnelabschnitte "verfüllen" und den Zugang absperren. Selbst ehemalige Häftlinge durften ab diesen Zeitpunkt die Stollen nicht mehr betreten, um ihrer ermordeten Kameraden zu gedenken.

Die Stollenanlage unter dem ehemaligen Namen "Bergkristall" steht im Eigentum und in der Verantwortung der Republik Österreich. Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) als Verwalterin der Liegenschaft hat nunmehr nach eigenen Angaben veranlasst, dass rund 6/7 der Tunnelanlage mit Beton "verfüllt" werden, jedoch keine Vorkehrungen für den Schutz von erhaltenswerten Teilen der Anlage getroffen, um sie dem Gedenken an die Opfer dieser NS-Tötungsanlage zu erhalten und zu öffnen.

Der Oö Landtag tritt nun mit dem dringenden Ersuchen an die Oö Landesregierung heran, sich bei der Bundesregierung dafür einzusetzen, das derzeit im Gang befindliche "Verfüllen" eines überwiegenden Teils der Stollenanlage zu stoppen und im Einvernehmen mit den Opferverbänden ein Konzept erarbeiten zu lassen und es rasch zu verwirklichen, um wenigstens die erhaltenswerten und stabilisierbaren Teile dieses größten Bauwerkes, das vom Terror der NS-Zeit zeugt, zu erhalten. Es soll als Ort des Gedenkens und des Erinnerns der Nachwelt erhalten bleiben.

Linz, am 7. Juli 2009

(Anm.: Fraktion der GRÜNEN)
Hirz, Trübswasser, Schwarz, Wageneder

(Anm.: ÖVP-Fraktion)
Stelzer, Orthner, Jachs, Ecker, Hingsamer, Strugl, Weixelbaumer, Steinkogler, Hüttmayr, Frauscher, Aichinger, Baier, Schürrer, Stanek, Pühringer, Eisenrauch, Kiesl, Brunner, Bernhofer, Mayr, Brandmayr, Lackner-Strauss, Entholzer, Weinberger, Schillhuber

(Anm.: SPÖ-Fraktion)
Frais, Weichsler-Hauer, Kapeller, Chansri, Jahn, Eidenberger, Sulzbacher, Pilsner, Affenzeller, Prinz, Schmidt, Lindinger, Schenner, Mühlböck, Bauer, Lischka, Röper-Kelmayr



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